Hotellerie Bettina Bellmont 18.08.2021

Hotelseifen recyceln mit SapoCycle

Wohin mit angebrochenen Hotelseifen? Die Non-Profit-Organisation SapoCycle sammelt sie und stellt neue Produkte für Hilfsprojekte in der Schweiz und im Ausland her.

Seit 2015 arbeitet SapoCycle mit umweltbewussten Hotels zusammen, die ihre gebrauchten Seifen nicht mehr wegwerfen, sondern für einen guten Zweck zur Verfügung stellen. Über 26,5 Tonnen Seife hat die Basler Organisation bis heute gesammelt, woraus Menschen mit Behinderung in zwei beteiligten Werkstätten in der Schweiz und in Frankreich beinahe 150’000 Recyclingseifen herstellten. Die lebenswichtigen Hygieneartikel wurden durch Hilfsorganisationen im In- und Ausland an bisher über 37’500 Familien verteilt.

Drei Säulen für den guten Zweck Mit Hotels hatte sie zuvor nur als Gast zu tun. Dorothée Schiesser-Peyrouzet, Gründerin und Präsidentin von SapoCylce, kommt aus einem ganz anderen Berufsfeld. Sie hat Wirtschaftspolitik studiert, war im Marketing, im Journalismus und in der Kunstvermittlung tätig. Ihr Mann Rudolph Schiesser – Hotelier aus Berufung – weckte in ihr das Interesse für die Herausforderungen der nachhaltigen Hotellerie. «Wir tauschen uns sehr gerne über aktuelle Themen in der Branche aus», sagt Schiesser. «Also wollte ich wissen, was eigentlich mit den Seifenresten passiert, die man im Hotelzimmer zurücklässt.» Die Antwort, dass die Seifen im Müll landen, hat sie zum Nachdenken gebracht und nicht mehr losgelassen. Geprägt hat sie auch ihre Zeit in Afrika anfangs der 90er-Jahre. Während ihr Mann als kaufmännischer Direktor in einem Luxushotel in Kamerun tätig war, reiste Dorothée Schiesser als Journalistin durchs Land. «Ich erlebte eine ganz andere Version von Afrika als er. Der pure 21 HOTELLERIE Luxus der Hotels stand im Kontrast zum prekären Alltag der Bevölkerung, die kaum Zugang zu Hygieneartikeln hatte.» Diese Erfahrungen und die Suche nach einer nachhaltigen Alternative für Seifenreste formten sich 2014 zu den drei Säulen, auf denen SapoCycle bis heute beruht: Umwelt, soziale Integration und humanitäre Wirkung. Die Gründerin erklärt die Entstehung der Idee so: «Ich wollte etwas Sinnvolles für den Planeten tun und Ärmere mit Seifenresten aus dem Luxussegment unterstützen. Und dazu war mir wichtig, auch etwas Soziales in der Schweiz 

«Ich wollte Ärmere mit Seifenresten aus dem Luxussegment unterstützen.»

Dorothée Schiesser Gründerin von SapoCycle

zu machen.» Darum habe sie das WohnWerk in Basel kontaktiert, das Menschen mit Behinderung eine sinnvolle Beschäftigung bietet. «Gemeinsam mit den Leuten des WohnWerks haben wir den Recyclingprozess learning by doing entwickelt und ein Problem nach dem anderen gelöst.»

 

Recyceln mit Küchengeräten

Hartseife zu rezyklieren, das sei eigentlich simpel, sagt Schiesser rückblickend. «Seife ist ein Wunder. In einer Seife überlebt kein Keim, kein Bakterium und auch kein Virus. Das Problem ist die Reinigung der Seife selbst.» Die gesammelten Hotelseifen sind mit Hautpartikeln, Haaren oder Schminkresten verunreinigt. «Wie bekommt man diese nun sauber? Wir haben viel ausprobiert und am Ende entdeckt, dass sich Secondhand-Küchengeräte wunderbar fürs Upcycling von Seifen eignen.» Lachend zählt Dorothéee Schiesser auf, mit welchen Geräten die Seife im WohnWerk behandelt wird. Zuerst werden die Seifen mit einem Käsehobel geraffelt und von den Schmutzresten getrennt. Ein Gemüsehäcksler verarbeitet das Ganze zu Puder, ehe die Masse im Teigrührer verflüssigt, mit einem Seifenextruder erhitzt und in Form gegossen wird. Der grösste Vorteil dieses Prozesses: Alle Schritte können von Menschen mit Behinderung eigenständig durchgeführt werden. «Im WohnWerk stellen sie die Seife von A bis Z selbst her, statt nur einzelne Arbeitsschritte wie das Verpacken zu übernehmen. Das macht die Arbeit super interessant», freut sich Schiesser. Seit dem Go-live von SapoCycle im April 2015 hätten sich die Menschen des WohnWerks sichtlich weiterentwickelt. «Sie übernehmen mehr Verantwortung, trauen sich mehr zu und bauen Selbstbewusstsein auf.»

 

Zu Beginn arbeitete SapoCycle mit dem Roten Kreuz zusammen, das die Verteilung der Seifen an Hilfsprojekte übernahm. «Inzwischen haben wir ein sehr diverses Verteilernetz mit verschiedenen Partnern aufgebaut», erklärt Schiesser. «Circa 50 Prozent der rezyklierten Seife werden im Inland von Schweizer Institutionen wie Tischlein deck dich, der Schweizer Tafel und neu zwei jungen Basler Non-Profit-Organisationen, Thanks Giver Basel und dem Verein Phari, verteilt. Die andere Hälfte geht ins Ausland in Flüchtlingslager oder zu Hilfsprojekten wie zum Beispiel in Madagaskar.» In Frankreich startet SapoCycle 2017 mit der Sammlung von Hotelseifen, lässt diese seit 2018 in Mulhouse wiederverwerten und findet 2019 mit der Initiative Restos du Coeur den perfekten Verteilpartner für die erste Lieferung.

 

Seife wurde knapp

«Seifenblasen, die Leben retten» lautet das Motto von SapoCycle. Die Gründerin erklärt: «Hygiene ist ein wichtiges Element zur Sozialisierung, besonders für Menschen auf der Strasse. Wer keinen regelmässigen Zugang zu Hygieneartikeln hat, hat auch schlechtere Karten bei einem Bewerbungsgespräch. Und ohne Job kommt er nicht von der Strasse weg.» Wie wichtig der Zugang zu Hygieneartikeln ist, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, zeigte sich deutlich im vergangenen Jahr während der Coronapandemie. Hygieneartikel wurden zur Mangelware. «In Frankreich – mit seinen 80 Millionen Menschen – konnten sich schon vor Corona rund 3 Millionen keine Hygieneartikel leisten. Und als nun die Preise aufgrund der Knappheit stiegen, verstärkte sich das Problem», erinnert sich Dorothée Schiesser. SapoCycle habe vermehrt Unterstützungsanfragen von Hilfsorganisationen erhalten und musste gleichzeitig mit einer anderen Herausforderung kämpfen. «Die Hotels waren geschlossen. Uns ging das Rohmaterial aus.» In der Schweiz hatte SapoCycle zum Glück genug Seife auf Lager. Die Partnerhotels hatten in den Vorjahren so viel gesammelt, dass das WohnWerk seinen Recyclingbetrieb weiterführen konnte. In Frankreich ging das Rohmaterial anfangs 2021 komplett aus. Aktuell habe sich die Lage jedoch normalisiert. «Wir fangen jetzt wieder an, wie zuvor zu produzieren.»

Mit Flüssigseife expandieren

«Dass ich mit SapoCycle etwas bewirken kann, das bringt mir jeden Tag einen grossen Frieden», sagt Dorothée Schiesser begeistert. Sie ist stolz, dass bereits 252 Hotels, davon 142 in der Schweiz, Teil der Initiative sind. Die nachhaltige Lösung für Seifenreste habe sich sehr schnell in der Branche rumgesprochen. «Wir haben nie Werbung gemacht. Stattdessen hat sich die Presse relativ schnell für unsere Organisation interessiert und uns in diversen Medien vorgestellt. Und auch Word-to-Mouth funktioniert wunderbar. Verantwortliche im Housekeeping suchen aktiv nach einer Alternative, um die Seifen nicht mehr wegzuwerfen. Sie finden uns – und berichten ihren Kolleginnen und Kollegen davon.»

Dorothée Schiesser wünscht sich, dass noch viel mehr mitmachen und Seifenreste sammeln. Genau deshalb bietet SapoCycle in der Schweiz ein Premium-Member-System an, das den Aufwand für die Hotels möglichst gering hält. Rund 62 Hotels haben sich bisher für diesen Dienst entschieden. Statt die Seife in Schachteln zu sammeln und selbst zu verschicken, stellt SapoCycle den Premium Members Behälter zur Verfügung, die durch das Logistikunternehmen Planzer in regelmässigen Abständen abgeholt und leer zurückgebracht werden. Die teilnehmenden Hotels zahlen einen Unkostenbeitrag. Bei einem Hotel mit weniger als 50 Zimmern sind das 168 Franken pro Jahr, ein grösserer Betrieb mit mehr als 100 Zimmern zahlt

«Flüssigseife ist logistisch komplizierter zu sammeln.»

Dorothée Schiesser

bis zu 384 Franken. «Mit dieser Premium-Mitgliedschaft erhalten Hotels zudem ein Marketing-Toolkit, mit dem sie ihren Gästen ihr Engagement für die Umwelt zeigen können.»

 

menden Jahr auch Flüssigseife rezyklieren und an Hilfsorganisationen abgeben. Duschgel, Shampoos und Conditioner sollen folgen. «Flüssigseife ist logistisch komplizierter zu sammeln. Sie braucht mehr Platz, muss strengeren bakteriellen Kontrollen standhalten und kommt zudem in Plastikbehältern, für die wir noch keine Lösung gefunden haben.» Dorothée Schiesser sagt bewusst «noch». Ihr Team sei bereits intensiv daran, die Möglichkeiten auszuarbeiten. «Das Projekt ist zwar komplizierter, aber machbar», sagt sie zuversichtlich.

 

«Es macht einfach Sinn.»

Die Militärkantine in St.Gallen hat sich dem nachhaltigen Wirtschaften verschrieben. Seit 2019 ist das Hotel-Restaurant Premium Member von SapoCycle. «Recycling ist ein grosses Thema in der Gastronomie und wir versuchen, alles zu trennen und fachgerecht zu entsorgen», sagt Mediensprecherin Anna Tayler. Bei der Seife hat sich das Hotel besonders viele Gedanken gemacht und bietet eine eigene Spezialität. «Wir lassen die Seife in Form der Militärkantine herstellen – und unsere Gäste dürfen diese in einem bereitgestellten Säckli mit nach Hause nehmen. Tun Sie es nicht, müssen wir die Seife entsorgen. Da kommt uns SapoCycle natürlich sehr entgegen. Denn Wegwerfen tat jedes Mal weh.» Das soziale Upcycling mache einfach Sinn, ist Tayler überzeugt.

Win-Win-Situation für Mensch und Umwelt

Seit 2016 sammelt das Dolder Grand seine Hartseifen für SapoCycle, seit 2020 als Premium Member. Die Partnerschaft sei eine Win-Win-Situation für Mensch und Umwelt, sagt Stefan Aerni, Quality & Sustainability Manager des Hotels, und erklärt: «In finanzieller Hinsicht haben wir weder einen Vorteil noch einen Nachteil. Wir sind jedoch seit Dezember 2020 EarthCheck-zertifiziert. Im Rahmen unseres Nachhaltigkeits-Managementsystems ist die Kreislaufwirtschaft ein grosses Thema. Dass die Seifen durch SapoCycle ein zweites Leben bekommen und nicht in der Kehrichtverbrennungsanlage landen, generiert sowohl sozial als auch ökologisch einen Mehrwert.» Die bisherigen Erfahrungen seien sehr gut. «Anfänglich hatten wir einige Herausforderungen mit Transport und Abholung, seit der Einführung des benutzerfreundlichen Boxensystems und der Abholung durch eine Logistikfirma läuft das sehr einfach und rund.» Ein weiteres Plus werde sicherlich sein, wenn zukünftig auch Flüssigseifen rezykliert werden können.

Abfall reduzieren auf der Rigi

Das Seminar- und Wellnesshotel Rigi Kaltbad ist im März 2021 über einen Instagram-Post auf SapoCylce aufmerksam geworden und hat sich sofort entschieden mitzumachen. Seminar- und Bankettleiter Alexander Paveglio sagt dazu: «Wir fanden die Idee toll und sind als Unternehmen immer daran interessiert, nachhaltiger und effizienter zu arbeiten.» In den ersten vier Monaten sammelten sie rund 4 Kilogramm Seife. Demnächst schicken sie die ersten Kisten ans WohnWerk in Basel. Da sich das Hotel auf der autofreien Rigi befindet und dadurch bei jedem Transport zusätzliche Ausgaben entstehen, lohne sich die Sammelaktion auch finanziell. «In unserem Fall sparen wir Abfallgebühren. Zudem nutzen wir die Marketingtools von SapoCycle und informieren beispielsweise auf unserer Website über das Projekt.»