Gastronomie Bettina Bellmont 30.08.2019

Mit Gastro-Einnahmen Entwicklungshilfe leisten

Die Schweizer Non-Profit-Organisation Wasser für Wasser (WfW) animiert Gastronomen dazu, für Leitungswasser im Restaurant Geld zu verlangen und für Hilfsprojekte in Afrika zu spenden. Je nach Modell der Beteiligung gehen 10 oder 100 Prozent der Einnahmen an Wasserprojekte in Sambia und Moçambique.

Darf «Hahnenburger» im Restaurant etwas kosten? Ja unbedingt, sagen die Gründer von Wasser für Wasser (WfW). Die jungen Luzerner Brüder Morris und Lior Etter wollten nachhaltiges Engagement, globale Verantwortung und Wirtschaftlichkeit miteinander vereinen. So starteten sie 2012 die Organisation WfW mit einer einfachen Idee: Schweizer Gastrobetriebe verlangen von Ihren Gästen einen Unkostenbeitrag für das Leitungswasser und spenden diese Einnahmen je nach Modell zu 10 oder 100 Prozent an WfW-Wasserprojekte in Sambia und Moçambique.

Wasser spart Aufwand
«Leitungswasser hat im Vergleich zu Flaschenwasser eine bis zu tausendmal bessere Ökobilanz», erklärt Antoine Schmid. Er ist seit August 2017 bei WfW und als Projektleiter Gastro für den Ausbau und die Pflege des Partnernetzes sowie die Entwicklung von Projekten zuständig. Das nachhaltige Engagement lohne sich auch für die Gastronomen, betont er. «Setzt ein Betrieb ganz auf Leitungswasser, fallen die Transportkosten weg und er kann jährlich eine bis zu 50’000 Kilometer lange Autofahrt einsparen. Das ist mehr als einmal um die Welt.» Für Gastropartner bietet WfW zwei Varianten an. Bei der Classic-Variante wird neben Leitungswasser weiterhin Flaschenwasser angeboten. Die Einnahmen aus dem Leitungswasser gehen zu 100 Prozent an WfW. Bei der Green-Variante verzichtet der Gastrobetrieb auf Flaschenwasser und setzt ganz auf Leitungswasser. Dabei gehen 10 Prozent der Einnahmen an Entwicklungsprojekte.

«Setzt ein Betrieb ganz auf Leitungswasser, kann er auch Transportkosten einsparen.»

Antoine Schmid
WfW-Projektleiter Gastro

Partnerschaft mit Gastrobetrieben
Wir wollten im Interview mit Antoine Schmid mehr über die Chancen und Herausforderungen von WfW erfahren.

Herr Schmid, warum engagieren Sie sich für WfW?
Mich hat die Art und Weise beeindruckt, wie Wasser für Wasser ökologisches und soziales Engagement in der Schweiz mit nachhaltigen Infrastrukturprojekten in Afrika verbindet.

Und warum sollten sich Gastronominnen und Gastronomen engagieren?
Die Schweiz verfügt über hervorragendes, qualitativ bedenkenloses und jederzeit verfügbares Leitungswasser. Hinter diesem Luxus stehen eine jahrhundertelange Entwicklung, viel Arbeit und Know-how. Weltweit haben hingegen über 800 Millionen Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und über 2 Milliarden leben ohne sicheren Zugang zu sanitärer Grundversorgung. Gleichzeitig importiert die Schweiz tausende Tonnen von Gütern aus Gebieten, die unter Wasserstress oder akuter Wasserknappheit leiden, und trägt so einen Teil zur globalen Wasserproblematik bei. Die Zusammenarbeit mit WfW ist eine Gelegenheit, unser Wasser wertzuschätzen, gleichzeitig einen sozialen Ausgleich zu leisten und Verantwortung für unseren globalisierten Konsum zu übernehmen.

«Der Betrieb gewinnt Profil und Sympathie bei den Gästen.»

Antoine Schmid

Was läuft gut, wo sehen Sie Verbesserungspotenzial in der Zusammenarbeit mit den Gastronominnen und Gastronomen?
WfW erreicht immer mehr Partner. Besonders stolz machen mich jeweils Anfragen von Gastronominnen und Gastronomen, die sich von selbst über unsere Arbeit informiert oder uns bei anderen Betrieben kennengelernt haben. Solche Anfragen zeigen mir, dass WfW in der Branche immer bekannter, etablierter und attraktiver wird. Verbessern könnten wir sicher die Präsenz in den anderen beiden Sprachregionen. Es würde mich persönlich sehr freuen, über die Deutschschweiz hinaus Partner zu gewinnen.

Wie ist die Resonanz Ihrer Gastropartner?
Die Resonanz der Partner ist meistens positiv. Gerade bei WfW Green sind die Rückmeldungen sogar sehr positiv, eine Aufbereitungsanlage nimmt dem Gastronomen zahlreiche Aufwände wie Transport, Lagerung und Entsorgung von Flaschenwasser ab und erleichtert den Betriebsalltag. Dank der Zusammenarbeit mit WfW können die ökologischen Vorteile solcher Anlagen unterstrichen und der Wasserverkauf mit einem sozialen Engagement verknüpft werden. Der Betrieb gewinnt Profil und Sympathie bei den Gästen.

Apropos Gäste: Wie reagieren diese, wenn es mit dem Modell WfW Green nur Leitungswasser gibt?
Meist sehr positiv. Unverständnis entsteht höchstens durch mangelhafte Kommunikation. Wenn die Gäste beispielsweise nicht verstehen, wofür sie spenden oder wie die Gelder verwendet werden. Solchen Problemen versuchen wir mit Broschüren und Flyern entgegenzuwirken.

Was ist beliebter: WfW Classic oder WfW Green?
Schwierig zu sagen. Geht man nach der Zahl der Partner, ist sicher WfW Classic das beliebtere Konzept. Hier haben wir über 300 Partner. Dabei muss man aber anmerken, dass WfW Green erst seit 2016 existiert und seitdem auf sehr viel Anklang stösst. Momentan setzen 60 Betriebe auf WfW Green. Gerade WfW Green dürfte in Zukunft weiter an Attraktivität
gewinnen, zumal Saisonalität, Regionalität und effiziente Ressourcennutzung für die Betriebe und ihre Gäste immer wichtiger werden.

Sind weitere Modelle geplant?
Zurzeit sind wir mit unseren beiden Konzepten sehr zufrieden. Sollte sich aber irgendwann ein neues Konzept anbieten, werden wir uns sicher wieder Gedanken machen.

Sie entwickeln auch Produkte.
Richtig. Zum Beispiel die Masuka Wasserglace. Von jeder verkauften Glace gehen 25 Rappen an unsere Projektarbeit in Sambia und Moçambique. Für uns ist das ein weiterer Versuch, Spenden an einen alltäglichen Konsum zu koppeln und gleichzeitig auf die vielfältige Verwendung von Wasser hinzuweisen. Wir sehen die Glace auch als Chance, in Betrieben mit wenig Wasserkonsum – zum Beispiel am Kiosk oder in der Badi – auf unser Anliegen aufmerksam zu machen.

So funktioniert WFW GASTRO
Gastropartner von Wasser für Wasser unterstützen mit einem Beitrag aus ihren Getränkeverkäufen nachhaltige Projekte in Sambia und Moçambique. Dabei stehen zwei Modelle zur Wahl:

  • WfW Classic
    Teilnehmende Gastrobetriebe verkaufen neben Flaschenwasser auch Leitungswasser. Den Preis bestimmen sie selbst. Alle Einnahmen des «Hahnenburgers» gehen zu 100 Prozent an die WfW-Projektarbeit in Afrika.
  • WfW Green
    Gastrobetriebe verzichten komplett auf den Verkauf von Flaschenwasser und schenken nur noch Leitungswasser aus. 10 Prozent der Einnahmen werden an die WfW-Projekte gespendet. WfW unterstützt interessierte Partnerbetriebe bei der Abklärung von Einbaumöglichkeiten einer Aufbereitungsanlage, mit denen aufbereitetes Leitungswasser mit und ohne Kohlensäure serviert werden kann.

Wasser nachhaltig sichern
Zusammen mit lokalen Partnerorganisationen fördert WfW die Verbesserung der Wasser-, Abwasser- und Hygienesituation in den urbanen Zentren von Sambia und Moçambique. Dank verschiedenen Projekten erhielten bisher über 80’000 Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 300 Studentinnen und Studenten konnten eine Berufsbildung im Wassersektor abschliessen und über 20 Kilometer Leitungen und 43 Wasserkioske wurden finanziert. Über die Projektarbeit in Afrika informiert WfW ausführlich auf www.wfw.ch sowie in den Jahresberichten. Um Partner zu werden, muss man kein Gastronom sein. Auch Unternehmen, die das Modell «WfW im Büro» nutzen, sowie private Spender können das Engagement der Non-Profit-Organisation unterstützen.

Bettina Bellmont

Autor: Bettina Bellmont