Business-Praxis Vera Sohmer 20.05.2026

Ein Haus, ein Garten, kein Auto

Meine Eltern lebten auf kleinem Fuss – im wahrsten Sinne des Wortes. Erinnerungen an einen Lebensstil, der seiner Zeit voraus war: Mit heute wieder aktuellen Tugenden, wenn auch noch mit fehlenden Technologien.

Früher war alles besser? Wohl kaum. Wie alle Häuser in der Nachbarschaft hatte auch das Haus meiner Eltern eine Ölheizung. Diese funktionierte tagein, tagaus zuverlässig. Aber der «Ölkeller» war ein garstiger Ort, den ich als Kind gruselig fand und mied: das schummrige Licht, der schwer in der Luft hängende, beissende Geruch. Die grossen, schmutzig wirkenden, in Betonwannen stehenden Kunststofftanks, die tausende Liter Brennstoff enthielten. Eine grobe Technik.

Wärmepumpen und PV-Anlagen waren in den 1970er Jahren für Einfamilienhäuser technisch noch nicht möglich. Dabei hätte diese Form der Energiegewinnung zu meinen Eltern viel besser gepasst und sie hätten sie sicher bevorzugt. Zum einen liebten sie es sauber – Ehrensache für einen Haushalt im Schwäbischen. Zum anderen handelten sie immer nach dem Motto: Was einem zur Verfügung steht, in diesem Fall das Sonnenlicht, sollte man vorausschauend und wertschätzend nutzen. Solarenergie als technische Variante alter und heute wieder gefragter Tugenden.

Kultivierte Resteküche

Sich selbst zu versorgen und damit ein Stück unabhängig zu werden – dieses Prinzip wurde zu Hause ernährungstechnisch gelebt. Der von grossen Bäumen eingerahmte Garten diente zum Spielen und Verweilen, war aber auch Anbaufläche für Früchte und Gemüse. Was erntefrisch auf den Teller kam – Erdbeeren, schwarze und rote Johannisbeeren, Kartoffeln, Salate, Stangenbohnen, Radieschen aus dem kleinen Kinderbeet – schmeckte fantastisch und dient bis heute als Genussreferenz. Was die Familie nicht sofort verzehrte, fror und kochte die Mama ein – tagelang duftete es im ganzen Haus nach Marmelade. Die Vorratskammer war immer prall gefüllt und Lebensmittelverschwendung kein Thema. Das zeigte sich auch in kultivierter Resteküche. Es gab zum Beispiel «Gaisburger Marsch», einen kräftigen Eintopf mit übrig gebliebenem Siedfleisch und restlichen Kartoffeln. Oder «Flädlesuppe» mit fein geschnittenen Pfannkuchen vom Vortag. Essensreste bekamen eine zweite und ziemlich gut schmeckende Chance.

Per ÖV und per pedes

Zugegeben: Lässig fand ich den Lebensstil bei uns zu Hause nicht immer. Denn wir waren – abgesehen von der regelmässigen Heizöllieferung aus grossen Tanklastwagen – anders als andere. Aus Kindersicht ist das meistens «doof». Wir hatten nie ein Auto und waren mit dem Bus oder mit dem Zug unterwegs – und sehr viel zu Fuss. Aus heutiger Sicht ökologisch vorbildlich. Früher kam uns damit die Aussenseiterrolle zu, denn in unserem Umfeld leisteten sich viele den Luxus einer eigenen Limousine. Luxuriös waren für meinen Bruder und mich nur die seltenen Gelegenheiten, bei anderen in ihren schicken Autos mal mitfahren zu dürfen. Dass der motorisierte Wohlstand seine Grenzen hat, zeigte damals allerdings die Ölkrise. Als Folge gab es autofreie Sonntage. Alle Nachbarn gingen auf den vom Verkehr völlig befreiten Strassen spazieren – so waren wir alle ohne Auto.

Wider den Zeitgeist

Klimaerwärmung, Energieeffizienz, ökologischer Fussabdruck – diese Begriffe gab es damals noch nicht. Dennoch war die Haltung meiner Eltern umweltbewusst. Auch wenn ihre Motivation vermutlich woanders begründet lag. Sie mussten Entbehrungen erleben. Mit Fleiss und Sparsamkeit bauten sie sich einen bescheidenen Wohlstand auf. Dies im Bewusstsein, dass die Annehmlichkeiten nicht selbstverständlich waren. Daher kam die Wertschätzung für technische Hilfsmittel im Haushalt und für gute Kleidung. Ergänzt durch das Wissen, Dinge lange instand zu halten, und handwerkliches Geschick. So reparierte der Papa den Toaster oder die Filterkaffeemaschine kurzerhand daheim. Die Mama besserte Kleider aus und schneiderte vieles selbst – beides in absoluter Perfektion. Dies alles im Gegensatz zu einem Zeitgeist, in dem billige Massenware und Wegwerfen zunehmend selbstverständlich wurden.

Vieles praktiziere ich heute nicht, wie es meine Eltern getan haben. Dennoch haben sich ein paar Grundsätze verankert:

  • Sich immer bewusst machen, dass fliessendes und sauberes Wasser ein kostbares Gut ist. Also nicht verschwenderisch damit umgehen.
  • Beim Kaufen – Kleider, technische Geräte – auf gute Qualität achten, alles möglichst lange nutzen und tragen sowie gut pflegen. Zum Ausbessern oder zur Reparatur bringen. Ausbaufähig: Nicht immer Neues dazukaufen, lieber aus dem Fundus schöpfen.
  • Heute aktuell: Auch Handys oder Laptops lange behalten, und wenn die Geräte wirklich ausgetauscht werden müssen, gebrauchte kaufen.
  • Food Waste geht gar nicht. Notfalls gummiartige Rüebli im Wasserbad wiederbeleben oder trockene Brotstücke in der Suppe einweichen.

Inzwischen habe ich auch das Gärtnern wiederentdeckt und festgestellt, dass die eigene Ernte Freude macht. Abgesehen von Vorfällen wie massivem Schneckenfrass an zarten Kohlrabi-Setzlingen. Was in den Hochbeeten unbeschadet gedeiht – Beeren, Federkohl, Kräuter, Salate – schmeckt fast so gut wie früher. Wenn mein Mann im Herbst Aronia einkocht, duftet es im ganzen Haus nach Kindheit.

Autorin: Vera Sohmer