Für Ordnung sorgen ist nur ein Teil des Jobs. Butler sind heute Manager – in Hotels, Privathaushalten und auf Kreuzfahrtschiffen.
Hotellerie Michaela Ruoss 11.10.2018

Butler für alles

Stets zu Diensten: Der Beruf hat sich verändert, die Grundhaltung bleibt.

Auch wenn sie nicht aussehen wie bei «Dinner for One»:
Butler kommen heute in den verschiedensten Bereichen zum Einsatz, vom Hotel über die Alphütte bis zuhause bei Normalverdienern.

Kennen Sie James? Den Butler, der seit gefühlten 100 Jahren immer an Silvester kurz vor Mitternacht bei «Dinner for One» durch unsere Stuben stolpert? Dann haben wir gute und schlechte Nachrichten für Sie. Die schlechte zuerst: James ist tot, und das gleich in zweifacher Hinsicht. Freddie Frinton starb 1968 an einem Herzinfarkt. Und ein paar Jahre später ist auch das Bild der Berufs­gattung dahingeschieden, den der britische Comedian mit steifem Rücken und Pinguinlook verkörperte.
Und nun die gute Nachricht: Der Butler lebt – und liegt laut Paul Huizinga von der International Butler Academy voll im Trend. «Es gab noch nie so viele reiche Leute wie heute, und viele davon möchten einen Butler.» Die Nachfrage sei überall auf der Welt gestiegen, besonders in den wachsenden Wirtschaftmärkten. Allein in China werden, so schätzt er, derzeit rund 100’000 Butler gesucht. Das sind zehnmal so viele wie noch vor zehn Jahren. Der Butler ist das neue Statussymbol. Und das nicht des Smokings, der Fliege und der weissen Handschuhe wegen. Diese Ausstattung nimmt der Butler von heute nur noch bei besonderen Einsätzen aus dem Schrank. Im Normalfall trägt man heute als Hausbutler einen Anzug.

«Viele reiche Leute
möchten einen Butler.»

Paul Huizinga
International Butler Academy

Mann (und Frau) für alle Fälle

Doch nicht nur äusserlich hat sich der Beruf in den letzten Jahrzehnten stark verändert. «Die Zeiten, in denen der Butler praktisch nur dazu da war, den Nachmittagstee und das Dinner zu servieren, sind längst vorbei», so Huizinga. Der Butler sei heute vielmehr ein Manager, einfach gesagt. Schwieriger wird es bei der Frage, was dieser genau macht. «Fragt man hundert Butler, hat jeder einen anderen Job.» Die Stellenbeschreibung eines Butlers sieht in königlichen Häusern anders aus als in Botschaften, Privathaushalten von Wohlhabenden, Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen. Aber generell gilt: Der Butler sorgt für seinen Auftraggeber und dessen Familie. Er organisiert, was immer gewünscht wird.

Es gibt auch weibliche Butler, im Normalfall nennt man sie «Butlerinnen». Im Schnitt ist jeder fünfte bis achte Butler weiblich. «Vor allem im Nahen Osten lassen sich Frauen leichter an Arbeitgeber vermitteln. Wenn der Herr des Hauses nicht da ist, soll nämlich seine Frau nicht mit einem anderen Mann alleine sein», sagt Paul Huizinga.

Doch egal, ob männlich oder weiblich, ob Privathaushalt oder Hotel, etwas muss der Butler laut Hanspeter Vochezer, Knigge-Coach und Gründer der Swiss Butler Association, immer können: diskret und loyal sein. «Und die persönliche Contenance bewahren – in allen Lebenslagen, mit welchen man während seiner Tätig­keit konfrontiert wird.»

«Butler müssen die Contenance
bewahren – in allen Lebenslagen.»

Hanspeter Vochezer
Gründer der Swiss Butler Association

Butler sein ist laut Vochezer eine Lebenseinstellung. Man müsse es lieben zu dienen, zu organisieren, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit den Arbeitgebern zur Verfügung zu stellen, die Herrschaften allenfalls auch auf Reisen zu begleiten und so weiter. Wenn diese Einstellung vorhanden sei, könne man sämtliche technischen Aspekte lernen. «Andersrum geht es leider nicht! Der Butler verkörpert die Perfektion der Servicedienstleistung.»

«Der Butler verkörpert die Perfektion
der Servicedienstleistung.»

Hanspeter Vochezer

Der gute Geist des Hauses

Butlerausbildungen gibt es überall auf der Welt. «Teils sind das allerdings veraltete Programme mit fragwürdigem Schulungsinhalt», sagt Hanspeter Vochezer. Für ihn ist praktische Erfahrung das A und O in diesem Beruf. «Idealerweise startet man in einem Hotel als Hotelbutler für Suiten, um erste Erfahrungen zu sammeln, und versucht dann mit dieser Erfahrung, irgendwann eine Butlerstelle in einem Privathaushalt zu erhalten.»

Ein Hotel, das seinen Gästen seit bald 15 Jahren einen 24-Stunden-Butler-Service im klassischen Sinne anbietet, ist das Badrutt’s ­Palace in St. Moritz. Jede der 37 Suiten und jedes der 157 Zimmer ist mit einem Butlerknopf ausgestattet, den der Gast jederzeit betätigen kann. «Wir sind seine Ansprechperson, und zwar für alles», sagt Heiko Haist, der Head Butler des Fünfsternehotels. Zusammen mit seinen Kollegen organisiert er, was Gäste wünschen, erledigt Botengänge, geht einkaufen, sorgt für Ordnung und Entspannung, kurz: Er nimmt dem Gast ab, was er sich abnehmen lässt, und befreit ihn so von Unannehmlichkeiten.

«Ein guter Butler liest den Gästen die wünsche von den Augen ab, antizipiert, was ein Gast haben möchte.» Und das ist nicht ganz einfach. Denn was der eine noch so gerne anderen überlässt, erledigt ein Zweiter lieber selber. So möchte ein Gast, dass man ihm die Koffer aus- und die Schränke einräumt, ein anderer wünscht sich gewärmte Skischuhe und ein dritter ein offenes Ohr. Wünsche an Butler sind so mannigfaltig wie die Gäste selbst. Und darum lassen sich heute viele Hotels so einiges einfallen, auch in Sachen Butler.

«Ein guter Butler liest den Gästen
die Wünsche von den Augen ab.»

Heiko Haist
Head Butler, Badrutt’s Palace St. Moritz

Skibutler in Andermatt

«Wir sind davon überzeugt, dass die Rolle des Butlers sich an den Bedürfnissen des Gastes orientieren sollte. Für unseren Gast ist Zeit oft ein knappes Gut und gerade deshalb möchte er sich in seiner Freizeit zum Beispiel nicht um das Ski-Equipment kümmern, sondern die wertvolle Zeit mit seinen Liebsten geniessen», sagt Jean-Yves Blatt, der General Manager des Hotels The Chedi Andermatt. Und genau deshalb hat das Hotel seit seiner Eröffung im Dezember 2013 einen Skibutler, den ersten der Schweiz. Julian Nehal und sein Team kümmern sich nicht nur um die Ausrüstung der Gäste, sondern auch um alle anderen Anliegen. «Von gewachsten Skis bis zum Vorwärmen der Skischuhe, von Tipps für die ideale Pistenwahl bis zu Après-Ski-Insidertipps: Das Team weiss, wie ein Skitag perfekt wird.»

Im Carlton in St. Moritz gibt es einen Mann, der höchstpersönlich sicherstellt, dass der Tag auch ausserhalb des Hotels perfekt wird: den Outdoorbutler. Damit schlägt das Hotel laut General Manager Philippe D. Clarinval gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: «Wir geben dem Gast das Gefühl, in guten und kompetenten Händen zu sein, während er sich draussen in einer für ihn ungewohnten Umgebung bewegt. Und wir bringen ihm die versteckten Schätze des Engadins näher und begeistern ihn für die Umgebung.»

Begeistern statt nur betreuen

«Als Outdoorbutler muss ich, ähnlich einem Bergführer oder Skilehrer, die Fähigkeiten des Gastes richtig einschätzen können, um richtig zu dosieren und ihn nicht zu überfordern», sagt Urs Wiederkehr. Es gehe ihm vor allem darum, dem Gast ein unvergess­liches Erlebnis zu vermitteln, und zwar ohne ihm irgendetwas aufzudrängen. «Er soll es wie unbemerkt mitgeliefert bekommen, während er still durch den leichten Schnee oder über den Lago Bianco wandert.»

«Als Outdoorbutler muss ich, ähnlich einem Bergführer oder Skilehrer, die Fähigkeiten des Gastes richtig einschätzen können.»

Urs Wiederkehr
Outdoorbutler, Carlton St. Moritz

Für ein besonderes Naturerlebnis sorgt auch das Grand Hotel Kronenhof in Pontresina: Es bietet eine Übernachtung in einer urchigen Alphütte, Alphüttenbutler inklusive. Er wirft unter anderem am Abend den Ofen an, kocht ein Dreigangdinner und macht den Abwasch, bevor er sich diskret zurückzieht. Er taucht erst am nächsten Morgen wieder auf, um ein Älplerfrühstück für die Gäste zu zaubern. Und auf Wusch chauffiert er sie auch wieder ins Hotel, falls sie lieber zurückfahren als wandern.

«Jeder Gast hat eigene Erwartungen an seinen Aufenthalt. Um ein Erlebnis daraus zu machen, muss man auf jeden Gast einzeln eingehen», sagt Marc Eichenberger, General Manager des Hotels. Er ist davon überzeugt, dass die Gästebedürfnisse in Zukunft noch individueller werden und dass man darum jeden Aufenthalt noch persönlicher gestalten muss, um Gäste zu begeistern.

«Um aus einem Aufenthalt
ein Erlebnis zu machen, muss man
auf jeden Gast einzeln eingehen.»

Marc Eichenberger
General Manager, Grand Hotel Kronenhof, Pontresina

Butler für dich und mich

Heute können sich auch Normalverdienende ein paar Stunden Entlastung leisten. Die Rede ist hier nicht von den Überbauungen, die in mehreren Schweizer Städten ein «Wohnen mit Service» anbieten. Denn mit monatlichen Mietkosten von durchschnittlich 1000 Franken pro Zimmer sind auch die den Besserverdienenden vorbehalten. Es geht um Services wie «Max & Betty» oder «Swissbutler», die Babysitter, Bügelservice und andere Dienstleistungen rund ums Haus in Personalunion bieten. Sie umsorgen ihre Kundinnen und Kunden so, wie es eben die traditionellen Diener in ­adligen oder grossbürgerlichen Haushalten taten. Und zwar im Stundenlohn.

Dass man Reinigungsarbeiten outsourct, ist laut Daniela Wallner Kern, Gründerin von Max & Betty, nicht neu. «Neu ist aber die Erkenntnis, dass man auch alle anderen Arbeiten wie Wäsche, Einkauf und Botengänge nicht mehr selber machen muss.» Um den Kunden jeden Wunsch erfüllen zu können, biete sie einen viel umfangreicheren Service an. «Unsere Housekeeping-Spezialisten haben den Blick auf den gesamten Haushalt unserer Kundinnen und Kunden. Sie kaufen ein, waschen, holen Pakete ab und füttern den Goldfisch. Und das seriös, diskret und loyal, wie ein Butler eben.» Inzwischen gibt es in der Schweiz mehrere solcher Dienstleister.

Mehr Zeit für Zentrales

«Der Trend kommt wie vieles andere aus Amerika», sagt Swissbutler-Geschäftsführer Bruno Preite, der diese Art Service vor Jahren im Westen entdeckt und spannend gefunden hat. «Da ich in der Schweiz damals nichts Vergleichbares gefunden habe, ist die Idee mit Swissbutler entstanden.» Umgesetzt hat Preite sie mit seiner Frau, die Erfahrung in der Hotellerie hat.

Kundenzahlen geben Max & Betty und Swissbutler nicht bekannt, doch gemäss eigenen Aussagen sind ihre Dienstleistungen sehr gefragt. Zur Kundschaft gehören neben Familien auch jüngere Paare, die sich nicht darum streiten möchten, wer welche Haushaltspflichten übernimmt, und bei denen Convenience, also eine gewisse Bequemlichkeit, zum Lebensstil gehört. Kostenpunkt für die Annehmlichkeit: zwischen 37 und 48 Franken pro Stunde. Für dieses Geld bekommen die Kunden laut Daniela Wallner Kern «Quality Time» zurück: «Zeit, die sie für Dinge einsetzen, die ihnen wichtig sind: Familie, Hobbys, Job.» Zeit für Dinner for Two oder mehr also.