Hotellerie 19.10.2020

Das erste Ökohotel der Schweiz

1983 wurde das erste Ökohotel der Schweiz durch die Corporaziun Ucliva eröffnet: das Hotel Ucliva in Waltensburg (GR). Das Ziel: sanfter Tourismus im Tal. Wie viel Öko steckt heute noch im Unternehmen? Ein Interview mit Genossenschafterin Helen Issler und Pächterin Ursula Wilhelm.

Pächterin Ursula Wilhelm und Helen Issler, Vorstandsmitglied der Eigentumsgenossenschaft Corporaziun Ucliva, blicken auf eine traditions­reiche Geschichte des nachhaltigen Ökohotels im Bündner Oberland zurück. Im Interview ­erzählen sie, wie das Erfolgsrezept damals umgesetzt wurde – und immer noch wird.

Das Hotel Ucliva ist das erste Ökohotel der Schweiz. Wie kam es dazu, Frau Issler?

Issler: Bevor es das Hotel gab, wurde die Genossenschaft Corporaziun Ucliva gegründet. Der Gedanke zur Genossenschaftsgründung entstand im Jahr 1978 als Selbsthilfeprojekt. Im Dorf Waltensburg war zu jener Zeit der Verkauf von sehr viel Land zum Bau von Zweitwohnungen und Fertighäusern an Ausländer geplant. Aus Erfahrung wussten viele Waltensburger, dass dies nicht die Art von Tourismus war, die der ­Gemeinde langfristig etwas bringen würde. Schliesslich haben sich Jung und Alt als Genossenschaft vereint und die Verhäuselung und Verbauung der Landschaft, finanziert durch fremde Gelder, gestoppt. Nach fünf Jahren Sammlung von Anteilscheinen in der ganzen Schweiz konnte das Projekt des Hotels Ucliva umgesetzt werden. Ziel dabei war es, die Abwanderung mit nachhaltigem Tourismus zu stoppen.

 

Das Hotelkonzept basierte auf dem Grundsatz ­«sanfter Tourismus». Was bedeutet das genau?

Issler: Der sanfte Tourismus spiegelt sich im Betrieb, aber auch in der Entstehung des Hotels wider. Der Bau des Hotels erfolgte mit einheimischen Handwerkern und Materialien. Ausserdem gab es damals eine Stückholzheizung, das Holz wurde stückweise im Wald gesammelt und zum Heizen benutzt. Sonnenkollektoren waren bereits damals installiert. Bei allen verwendeten Produkten wurde von Anfang an darauf geachtet, dass sie aus der Region stammen, sodass die Wertschöpfung auch in der Region bleibt. Das Grundkonzept des «Ucliva» besteht darin, warme Betten und Arbeitsplätze im Berggebiet zu schaffen. Sanfter Tourismus bedeutet Tourismus im natürlichen Takt der Natur, ohne Verschandelung der Landschaft. Das haben wir mit dem Hotel Ucliva, dem ersten Ökohotel der Schweiz erreicht.

«Sanfter Tourismus bedeutet Tourismus im natürlichen
Takt der Natur.»

Helen Issler
Vorstandsmitglied der Corporaziun Ucliva

Frau Wilhelm, im April 2017 haben Sie das Hotel ­Ucliva als Pächterin übernommen. Hat der Wechsel das Konzept beeinflusst?

Wilhelm: Das Hotel Ucliva ist und bleibt das erste Ökohotel. Es ist immer noch ein Genossenschafts­hotel, mittlerweile mit 950 Genossenschaftern. Ich bin die erste Pächterin des Hotels und habe es dann im Juni 2017 wiedereröffnet. Denn trotz sehr erfolgreicher Jahre als Ökohotel musste das «Ucliva» im März 2017 kurzzeitig schliessen, weil das im Jahr 2012 eingeführte Biolabel nicht rentiert hatte. Bei meiner Übernahme und der Wiedereröffnung des Hotels war von Anfang an klar, dass wir an der ursprüng­lichen Philosophie weiterarbeiten wollen. Es war aber nicht sicher, ob wir das auch schaffen. Unterm Strich müssen die entsprechenden Zahlen stimmen. Nach den drei Jahren können wir sagen, dass es funktioniert hat.

 

Warum hat sich das Biohotel-Label nicht bewährt?

Wilhelm: Das Hotel hat sehr viele Höhen und Tiefen hinter sich. Früher war der Hype um Biohotels sehr gross. Das Hotel wurde damals sehr auf der Ökolinie geführt. Mittlerweile mussten wir feststellen, dass man sich etwas öffnen muss. Es ist wichtiger als jemals zuvor, ein breiteres Publikum anzusprechen. Nachhaltiger Tourismus alleine ist zwar schön und gut, aber schlussendlich muss ein Hotel auch nach unternehmerischen Grundsätzen geführt werden. Der Gast informiert sich auf Online-Buchungsplattformen und interessiert sich dabei kaum für die langjährige Geschichte des Ökohotels. Schlussendlich erfolgt eine Buchung nach den individuellen ­Kriterien des Gastes.

«Die Geschichte des Hotels ist für den Gast kein Kriterium.»

Ursula Wilhelm
Pächterin Hotel Ucliva

Issler: Die Philosophie des Hotels von der Entstehung bis heute ist die gleiche – mit oder ohne Biolabel. Im Jahr 2012 hatten wir einen Geschäftsleiter aus der Biobranche, mit dem wir das Konzept des Biohotels umsetzten. Mit den Jahren wurde uns bewusst, dass das Label zu streng ist für die Hotellerie und Gastronomie. Ganz viele Produkte können nicht angeboten werden, angefangen bei der klassischen Ovomaltine bis zu gewissen Biersorten. Für die Hotellerie ist rein Bio einfach sehr teuer, bei uns stimmte das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag nicht. Trotzdem sind wir immer noch ein Ökohotel und wir bieten ­alles so nachhaltig wie möglich an.

 

Welche nachhaltigen und umweltfreundlichen Massnahmen haben Sie getroffen?

Wilhelm: Wir verwenden grundsätzlich erneuerbare Energien. Ein riesiger Warmwasserspeicher, der primär durch die Wärmerückführung der Kühl- und Tiefkühlanlage gespeist wird, 100 m² Sonnenkollektoren, und seit letztem Jahr gehört die Pelletheizung aus der Schweiz zu unserem Angebot. Unseren Gästen offerie­ren wir zwei E-Bikes, für die wir auch eine ­Ladestation vor dem Haus installiert haben.

Issler: Wir propagieren auch die Anfahrt mit dem ­öffentlichen Verkehr mit der RhB durch die Ruinaultaschlucht. Nur wenige Meter vom Hotel entfernt befindet sich die Postauto-Haltestelle Darums/Ucliva – gleich neben der Sesselbahn ins attraktive Skigebiet.

Was erwartet die Gäste im Hotel?

Wilhelm: Unsere 22 Zimmer sind grosszügig und freundlich eingerichtet. Zwar einfach und simpel, aber das schätzen unsere Gäste. Natürlich hat man bei der Renovation und Einrichtung darauf geachtet, dass hier nachhaltige Materialien wie Lärchenholz aus der Region gewählt wurden. In den Zimmern sind auch die Stühle zu den Schreibtischen speziell. Sie sind aus 100 Prozent Recycling-PET hergestellt.

Wie sieht es in Sachen Komfort aus?

Wilhelm: Bei uns ist es ruhig, still und dunkel in der Nacht, wir sind hier mitten in der Natur. Das sind sehr banale Faktoren. Aber wenn man von der Stadt kommt und diese beruhigende und ruhige Atmosphäre spürt, soll der Gast Ruhe finden, ganz nach dem Motto «Back to the roots». In Zeiten wie diesen ist das ein ganz aktuelles Thema. Abseits vom Mainstream hat die Genossenschaft hier einen Rückzugsort geschaffen. Bis heute verzichten wir auf Fernseher und Radios, selbstverständlich bieten wir aber WLAN an. Wir legen grossen Wert auf unsere Bibliothek. Wir haben sehr viele Bücher im Haus – das geht über eine normale Hotelbibliothek hinaus. Wenn wir schon auf Fernseher und Unterhaltung verzichten, dann bieten wir eben eine Alternative. Seit 2017 ­wollen wir uns auch als Kultur- und Seminarhotel ­positionieren. Wir organisieren Veranstaltungen und führen einen Kulturverein. Im Rahmen des Vereins bieten wir ein spannendes Kulturprogramm mit ­Lesungen, Vorträgen, Konzerten, musikalischen ­Matinees, Jazz oder «Music and Dine». Ausserdem findet jedes Wochenende ein anderer Kurs statt, wie zum Beispiel Meditation oder Waldbaden – auch hier ­wollen wir Natur pur bieten. Wir sind sogar auf dem Weg zum ersten Waldbadhotel der Schweiz.

«Abseits vom Mainstream hat die Genossenschaft hier einen Rückzugsort geschaffen.»

Ursula Wilhelm

Ihre Küche setzt auf Nachhaltigkeit. Auf welche biologischen Aspekte achten Sie bei den Lebensmitteln?

Wilhelm: Unsere Küche ist einfach, aber fein. Wir ­arbeiten regional und nachhaltig, sofern es möglich ist. Wir sind hier inmitten eines alten, ursprünglichen Bauerndorfes in Graubünden und arbeiten mit den Lieferanten und Bauern des Dorfes zusammen. Wir beziehen unsere Produkte wenn immer möglich von unseren Bauern. Man muss aber auf jeden Fall der Saisonalität und Verfügbarkeit der Lebensmittel Rechnung tragen. Zum Beispiel werden frische Waltensburger Tomaten nur von August bis Ende Oktober ­angeboten, weil sie auch nur zu dieser Zeit wachsen. Ein permanentes regionales Angebot ist dementsprechend nicht bei allen Lebensmitteln möglich. Wir achten ausserdem auf Schweizer Qualität, Gäste finden kein ausländisches Fleisch bei uns.

«Wir arbeiten regional
und nachhaltig, sofern
es möglich ist.»

Ursula Wilhelm

Ergeben sich auch Herausforderungen als Schweizer Öko-Berghotel?

Wilhelm: Die grösste Herausforderung aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist natürlich, ein Hotel erfolgreich zu führen. Für mich persönlich war das in ­einem ersten Schritt am herausforderndsten. Andererseits war es auch schwierig, ein gesundes Mass an Nachhaltigkeit für unsere Gäste zu bieten. Wir wollen immer einen Mittelweg zwischen Bioqualität und konventioneller Qualität finden.

Issler: Stark zu kämpfen hatten wir bis jetzt mit der Konkurrenz durch Billigflüge. Wenn eine Familie für das gleiche Geld in der Türkei Badeferien machen kann, stellt das ein Schweizer Hotel in den Bergen vor Herausforderungen. Dies könnte sich natürlich durch die jetzige Situation mit eingeschränkten Reisemöglichkeiten auch wieder ändern. Haupt­herausforderung bleibt auch das immer wärmere Klima. Wenn das Wetter nicht stimmt und es beispielsweise im Dezember noch nicht schneit, dann bleiben die Buchungen der Wintersportgäste aus. Die ganze Kurzfristigkeit allgemein macht der Hotellerie zu schaffen. In Sachen Nachhaltigkeit sehe ich aber noch mehr Potenzial und Chancen für die Zukunft, um sich von anderen Reisezielen zu differenzieren. Sanfter Tourismus wird für die Gäste immer wichtiger.

«In Sachen Nachhaltigkeit sehe ich mehr Potenzial und Chancen für die Zukunft.»

Helen Issler

Wilhelm: Natürlich wird immer wieder erwähnt: «Ucliva», das erste Ökohotel. Wir fokussieren uns jetzt aber auch auf: «Ucliva» – das Lese-, Kultur- und ­Seminarhotel. Das sind Themen, die wir bearbeiten, die natürlich im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und Ökologie stehen. Das eine bedingt das andere. Die traditionsreiche Geschichte als Ökohotel geht selbstverständlich nicht verloren. Trotzdem ist die jetzige Hotelphilosophie eine andere, auch wenn sie an den Ursprung anlehnt.

Issler: Ich hoffe, dass Leute durch den diesjährigen zwangs­läufigen Reisestopp ihre Ferien in der Schweiz und speziell in den Bergen mehr schätzen.

Hotel Ucliva

NameHotel Ucliva, Kultur-, Seminar- und Familienhotel
OrtWaltensburg, Graubünden
Zimmer22
BesonderheitenRestaurant mit frischen Zutaten aus der Region, Seminarraum mit Panoramablick, Lesehotel mit grossem Bücherangebot
Geschichte1983 als erstes Ökohotel der Schweiz gegründet

 

Interview: Jennifer Maier

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