Hotellerie Bettina Kälin 20.04.2022

The Lab Hotel Thun: Das Trendlabor

The Lab Hotel ist nicht nur ein Hotel, sondern auch ein Trendlabor und Lernort für Studierende der Hotelfachschule Thun. Die Verantwortlichen blicken auf ein bewegtes erstes Jahr zurück.

Mit wenigen Handgriffen lässt sich das Zimmer umdekorieren. Nur schnell die Paneele am Bettkasten und an der Wand austauschen, die Vorhänge drehen, die eingebauten Deckenlampen verschieben und die Leuchtfarbe ändern. Voilà: Fertig ist der Lab Room «Future Hotelier» für die nächste Saison. «Das Hotelzimmer sollte möglichst modular sein, damit man das Design ohne viel Aufwand und Kosten flexibel ändern kann», erklärt Nathalie Mettraux. «Gerne hätten wir noch mehr mit den Möbeln gespielt. Zum Beispiel, indem man ein Bild in einen Tisch umfunktionieren kann. Das wurde budgettechnisch tatsächlich schwierig.» Die gelernte Köchin und ihre Kollegen Stefan Friedli und Timothey Trachsel studieren im letzten Semester an der Hotelfachschule in Thun. Für ihre Diplomarbeit konzipierten sie im The Lab Hotel ihren ersten Lab Room, der nun seit rund einem Jahr von Gästen gebucht und bewertet werden kann.

Nachdem ihre Idee die fünfköpfige Jury aus Mitarbeitenden, Lehrpersonen und ehemaligen Absolventen am stärksten überzeugte, mussten die drei Studierenden das Konzept von Anfang bis Ende in einem der Lab Rooms umsetzen. Von Absprachen mit

«Es war eine einmalige Chance für uns.»

Nathalie Mettraux, Studierende der Hotelfachschule Thun

den Partnern und Handwerkern bis hin zur Instruktion des Housekeepings: Der Aufwand war ähnlich wie beim Eröffnen eines eigenen kleinen Hotels. Timothey Trachsel schätzt die Erfahrung und sagt: «Es war ein guter Lernprozess, der uns gelehrt hat, dass man zugunsten der Praxistauglichkeit Abstriche machen und vor allem gut kommunizieren muss.» Das bestätigt auch Nathalie Mettraux: «Es war eine einmalige Chance für uns. Sicher hatten wir manchmal Momente, in denen die Herausforderungen zu gross schienen, aber im Rückblick sind wir stolz auf das Projekt und können sehr viel davon für unsere berufliche Karriere mitnehmen.» Abgesehen vom Budget und den zeitlichen Vorgaben hatten die Studierenden beim Pilotprojekt freie Hand. Das schätzten die drei besonders. Mettraux betont: «Ich finde es grossartig, was die Hotelfachschule uns ermöglicht hat, und dass sie uns dabei gut unterstützt hat.»

 

Dritter Lernort

The Lab Hotel eröffnete am 8. März 2021 und verfügt über 70 Zimmer, darunter 13 Serviceappartements für längere Aufenthalte, 6 Lab Rooms, 6 japanische Kapselzimmer sowie 29 Campus Rooms, die primär den Studierenden zur Verfügung stehen. Die Lab Rooms dienen dem Testen spezieller Raumkonzepte und entstanden in Zusammenarbeit mit externen Partnern und den Studierenden der Hotelfachschule. Der zweite von Studierenden designte Raum befindet sich gerade in der Umsetzung. Eigentlich hätten die Raumkonzepte jährlich geändert und neue Studentenprojekte in die Lab Rooms integriert werden sollten. «Nach einem Jahr können wir uns nicht mehr vorstellen, die Zimmer, die mit so viel Aufwand erstellt wurden, so schnell zu ersetzen. Das wäre auch ökologisch nicht sinnvoll», erklärt Janine Rüfenacht, Direktorin von The Lab Hotel und Vizedirektorin der Hotelfachschule Thun. Stattdessen wolle man neue Möglichkeiten finden, wie sich Studentinnen und Studenten im grösseren Stil im Hotel einbringen können. Zum Beispiel mit einer Weiterentwicklung der Lab Rooms «Swissness», «Modular», «Upcycling» oder «Smart».

«The Lab Hotel ist einfach einzigartig», sagt Sandra Wehren, stellvertretende Direktorin und Room Divison Managerin. Sie könne sich keinen interessanteren Hotelbetrieb vorstellen. Die Kombination von Hotel, Schule und Labor sei extrem spannend. «Keine

«Die Studierenden haben ein Objekt zum Üben direkt vor dem Schulzimmerfenster.»

Sandra Wehren, Vizedirektorin The Lab Hotel

andere Hotelfachschule hat auf dem Campus ein eigenes standardisiertes 3-Sterne-Hotel, das mit einem hohen Qualitätsanspruch geführt wird. Die Studierenden haben ein lebendiges Objekt zum Üben direkt vor dem Schulzimmerfenster.» Seit Oktober 2021 sind die Studierenden nicht nur mit ihren Ideen aktiv, sondern arbeiten zudem in den verschiedenen Abteilungen mit und werden so auf ihren Berufsweg vorbereitet. «Der kreative Grundgedanke des Hotels geht auch auf unsere Mitarbeitenden über», sagt Wehren. «Auch sie sind extrem gefordert und können ihre Ideen einbringen.»

 

Trends testen und verbessern

The Lab Hotel wird zudem als Testgelände für Unternehmen genutzt, die ihre Ideen unter realen Bedingungen ausprobieren möchten. «The Lab Hotel ist ein Ort, an dem man experimentieren darf. Der Mut, etwas auszuprobieren, fehlt unserer Branche», ist Direktorin Janine Rüfenacht überzeugt. Statt auf Bewährtes zu setzen, kann das Laborhotel neue Trends in einem geschützten, aber realen Rahmen prüfen. Vom lokalen Schreiner, der Seifenmanufaktur bis hin zum Grossverteiler arbeitete The Lab Hotel schon mit diversen Partnern zusammen, die ihr Produkt dank den Rückmeldungen der Hotelgäste verbessern konnten. «Es ist alles denkbar, wenn es für beide Seiten stimmt», erklärt Rüfenacht. «Gerade haben wir ein Pilotprojekt im Haus, bei dem unsere Studierenden Plant-Based-Menüs umsetzen. Auch solche Servicekonzepte können wir testen.» Was noch fehle, sei die Zusammenarbeit mit anderen Hoteliers. Janine Rüfenacht und Sandra Wehren vermuten, dass ihre Branchenkollegen wie sie selbst zu oft mit dem Betriebsalltag beschäftigt seien. Dabei ist Sandra 

«Der Mut, etwas auszuprobieren, fehlt unserer Branche.»

Janine Rüfenacht, Direktorin The Lab Hotel

Wehren überzeugt: «The Lab Hotel ist eine Win-WinSituation für alle Beteiligten: Wir laufen immer mit der Zukunft mit, weil Studierenden ihre Konzepte an den Trends orientieren.»

 

Erstes Jahr mit Herausforderungen

Apropos Betriebsalltag. Dieser war im ersten Jahr von The Lab Hotel besonders herausfordernd. «Wir sind sehr schlank in das Ganze gestartet – anfangs waren vor allem Sandra und ich hier. Die wenigen Mitarbeitenden, die wir damals hatten, waren alle in der Kurzarbeit. Trotzdem ist das Hotel sehr, sehr gut angelaufen», resümiert Janine Rüfenacht. Im Sommer war die Auslastung gut, nur das Hochwasser im Juli machte einen Strich durch die Bilanz. Im Winter kamen wieder harte Zeiten auf The Lab Hotel zu. Rüfenacht sagt: «Für uns ist die schlechte Auslastung aufgrund der Coronalage ein echter Hosenlupf.» Denn wie jedes andere Hotel auch muss The Lab Hotel finanziell rentieren. Das wichtigste Standbein ist die Beherbergung, dazu kommen Einnahmen aus der Gastronomie inklusive der Studentenverpflegung, der Bar, dem öffentlichen Restaurant sowie der Seminarund Veranstaltungsbereich.

«Diese Innovationslust sollen sie hinaus in die Branche tragen.»

Janine Rüfenacht

«Wir halten den Betrieb aufrecht, auch weil wir mit den Serviceappartements eine Lücke in Thun füllen können», erklärt Vizedirektorin Sandra Wehren. Sie sieht im Standort grosses Potenzial. «In ein paar Minuten ist man direkt am See. Zudem sind wir noch jung und können uns in verschiedene Bereiche spezialisieren.» So zählt The Lab Hotel seit Kurzem zu den Swiss Bike Hotels.

 

Auch Janine Rüfenacht ist zuversichtlich. «Wir freuen uns auf den Sommer, in dem wir hoffentlich viel zu tun haben und die Studierenden auch wieder spannende Erfahrungen in der Praxis ermöglichen und miterleben können.» Wichtig sei derzeit, den operativen Betrieb zu sichern, die Auslastung zu erhöhen und die Weiterentwicklung des Hotels mit neuen Ideen am Laufen zu halten. Der grosse Aufwand, den das flexible Hotelkonzept mit sich bringe, lohne sich jedoch, stellt die Direktorin klar. «Die Plattform, das Experimentieren, das wollen wir unseren Studierenden mit auf den Weg geben», sagt Janine Rüfenacht. «Diese Innovationslust sollen sie hinaus in die Branche tragen und immer wieder aufs Neue anwenden.»