Gastronomie Bettina Bellmont 18.08.2021

Corinne Dobler ist Gastroseelsorgerin

Existenzielle Sorgen und hohe Arbeitsbelastung sind in der Gastronomie keine Seltenheit. Eine Gastroseelsorgerin erzählt, wie es um das geistige Wohl von Wirtinnen und
Wirten steht.

Finanzieller Druck, Fachkräftemangel und unregelmässige Arbeitszeiten waren schon vor dem Lockdown grosse Herausforderungen für die Gastrobranche. Welche Auswirkungen die Stressfaktoren auf den einzelnen Menschen haben, das erlebt Corinne Dobler immer wieder in den Gesprächen mit Wirtinnen und Wirten. Die 43-jährige Bremgartnerin (AG) ist zweifache Mutter, reformierte Pfarrerin und seit sieben Jahren Gastroseelsorgerin. Im Gastrofacts-Interview erzählt sie aus ihrem Berufsalltag.

Warum gibt es Ihren Beruf, Frau Dobler? Warum brauchen Wirtinnen und Wirte eine Gastroseelsorgerin?

Die Gastroseelsorge ist keine neue Erfindung. Vermutlich gibt es meinen Berufsstand schon seit den 50erJahren. Die Idee dahinter war, dass Wirte in den Randzeiten arbeiten und am Sonntag keine Zeit haben, an Gottesdiensten teilzunehmen. Vor allem in den katholischen Kantonen war es daher üblich, dass der Pfarrer die Beizen regelmässig besucht. Heute hat sich der religiöse Aspekt geändert, nicht aber die Grundbedingungen des Gastrogewerbes. Wirten ist noch immer ein echt harter Job.

Ich habe grossen Respekt vor der Arbeit der Wirtinnen und Wirte. Sie geben so viel von sich in die Arbeit hinein, sind mit Herzblut dabei, würden alles für ihre Gäste tun – und das auch noch am Abend und am Wochenende. Ich spreche jetzt vor allem von kleinen Betrieben, hier macht der Restaurantbetreibende ja fast alles alleine. Das kann mental ganz schön fordern. Und darum gibt es die Gastroseelsorge auch heute noch. Es ist wichtig, dass Wirtinnen und Wirte wissen, dass jemand da ist, der ihnen zuhört und dem sie alles sagen können. Falls gewünscht, spreche ich regelmässig mit den Aargauer Gastronomen und einmal im Jahr treffen wir uns zu einem Gottesdienst. Wobei – dieses Jahr war es coronabedingt ein Mahnfeuer vor der katholischen Kirche in Aarau, bei dem wir uns der verlorenen und nun wiedergewonnenen Gemeinschaft bewusster wurden.

Und was liegt den Wirtinnen und Wirten auf dem Herzen?

Das sind ganz häufig wiederkehrende Themen. Die Nachfolge beschäftigt zum Beispiel viele. Wem kann man den eigenen Betrieb guten Gewissens übergeben, wenn die Kinder nicht wirten wollen – oder gar keine Kinder da sind? Auch der Fachkräftemangel führt öfters zu Sorgen im Arbeitsalltag. Und auch Konflikte in der Familie sind keine Seltenheit, schliesslich sind die Arbeitszeiten in der Gastrobranche nicht gerade familien- oder partnerfreundlich. Wenn beide Partner im Betrieb arbeiten, sitzt man zudem ständig aufeinander und kann sich keinen Freiraum für klare Gedanken schaffen.

Interessanterweise sind diese Probleme auch während der Coronakrise nicht verschwunden. Sie wurden nur von anderen kurzzeitig überlagert. Übrigens haben

«Die Arbeitszeiten in der Gastrobranche sind nicht gerade familienfreundlich.»

 

Wirtinnen und Wirte ganz unterschiedlich auf die neuen Bedingungen reagiert. Die einen sind voller Elan und mit vielen kreativen Ideen losgestartet, die anderen haderten länger mit den Begebenheiten. Die abrupte Öffnung ist auch eine grosse Herausfor- «Die Arbeitszeiten in der Gastrobranche sind nicht gerade familienfreundlich.» derung. Von einem Tag auf den anderen geht es wieder von 0 auf 100 los. Das fühlt sich eigenartig an, plötzlich wieder unter so vielen Menschen zu sein.

 

Statt Wirtinnen und Wirte zu besuchen, haben Sie während des Lockdowns zeitweise 20 Anfragen pro Woche per E-Mail, WhatsApp, Facebook oder Telefon betreut. Wie verlief eine Seelsorge aus der Distanz?

Der Andrang war vor allem in der Anfangsphase des Lockdowns gross. Danach hat sich alles wieder eingependelt, die Wirte wussten allmählich, was Sache ist, und die Seelsorge verlief wieder in den üblichen Bahnen. Was die Gespräche aus der Distanz angeht: Auch für mich war es manchmal nicht einfach, weil ich spürte, dass sich einige Wirte eigentlich mehr Nähe wünschten. Aber ich bin beeindruckt, wie sie mit viel Erfindergeist und Elan weitergemacht haben – oder ihre Energie für anderes einsetzten. Ein Gastronom begann zum Beispiel, ein Boot zu bauen. Auf der anderen Seite habe ich erfahren, dass man auch im Lockdown zu aktiv sein kann. Ein Wirt war immer voll mit dabei und wirkte vom Take-away bis zum Schutzkonzept an vorderster Front mit, bis es zu viel wurde. Jetzt braucht er einen Wechsel und wird das Wirten aufgeben. Auch in solch einem Fall bin ich da und unterstütze, wo ich kann.

 

Einige Gastronomen und Gastronominnen glaubten bei Ihrem ersten Besuch, Sie wären Verkäuferin, Vertreterin oder sogar Drogendealerin.

Früher bin ich noch unangemeldet aufgetaucht. Aber die Fahrt spar ich mir heute und nehme im Voraus telefonisch Kontakt auf oder lerne die Gastronominnen und Gastronomen zum Beispiel am Treffen von GastroAargau kennen. Dem Verband bin ich sehr dankbar, dass ich an Anlässen dabei sein und mich vorstellen kann. Das Treffen nimmt bereits die erste Hemmschwelle, um ins Gespräch zu kommen, und das ist unglaublich viel wert.

 

Hat die Kirche in der Beiz noch Platz?

Früher waren Gastronomen natürlich noch viel weniger säkular eingestellt. Das merkt man besonders bei den älteren Wirten, da sie sich besonders freuen, wenn jemand von der Kirche da ist. Aber allen anderen sage ich: Ich bin einfach jemand, der zuhört

 

«Ob Seelsorger oder Coach: Das ist doch eigentlich dasselbe.»

und Mut macht. Ob Seelsorger oder Coach: Das ist doch eigentlich dasselbe. Und, um das klarzustellen: Das Wort Seelsorge sollte man nicht mit Mission oder spirituellem Eifer verwechseln. Bei der Seelsorge geht es nicht um Religionsfragen, sondern darum, dass ich für das seelische und geistige Wohl meines Gegenübers da bin. Es geht um Lebenssinn und Lebensfreude und darum, dass wir füreinander da sind. Wir sind alle Teil einer Gemeinschaft und einer Schöpfung.

 

Sie besuchen also auch Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften oder Atheisten?

Ich spreche Wirtinnen und Wirte ganz bewusst nicht auf ihre Religion an, das ist mir ziemlich egal. Es geht mir um den Menschen und seine Nöte, Gedanken und Gefühle. An was er oder sie glaubt, ist da nur nebensächlich. Ich weiss zum Beispiel von einer Wirtin, nur deshalb dass sie Muslima ist, weil sie gezielt auf mich zukam, sich als Muslima vorstellte und das Gespräch suchte. Das fand ich richtig toll! Auch mit Atheisten spreche ich sehr gerne, weil sie diskutieren wollen und kritische Fragen stellen. Daraus ergeben sich die spannendsten und tiefgründigsten Gespräche.

 

Sie stammen selbst aus einer Gastronomiefamilie. Ihr Vater war Koch und Ihre Mutter im Service tätig. Hat Sie das so geprägt, dass Sie Gastroseelsorgerin wurden?

Zum Teil sicherlich. Zuhause in unserer Stube war das ganze Dorf zu Gast. Meine Mutter lud manchmal Gäste aus dem Restaurant noch mit nach Hause ein und wir alle waren in mehreren Vereinen tätig. Meinem Vater verdanke ich zum Beispiel die Liebe zur Guggenmusik. Dieses Gemeinschaftsgefühl und der grosse Trubel haben mich sehr geprägt.

 

Aber Sie sind nicht Beizerin geworden.

Dafür kann ich auch zu wenig gut kochen. (lacht) Nein, im Ernst. Ich habe enorm grossen Respekt vor allen Wirtinnen und Wirten. Der Job verlangt viel ab und ist nicht einfach. Immer abends und am Wochenende zu arbeiten, der Druck, die vielen Ansprüche – dafür muss man brennen und die richtige Person dafür sein. Da fühle ich mich als Gastroseelsorgerin doch wohler, das kann ich besser.

Worin finden Sie selbst einen Rückhalt?

Mich erden ein Spaziergang im Wald und etwas Zeit für mich. Ich versuche jeden Tag kurz zu meditieren und meine Gedanken zu ordnen. Tatsächlich bleibt mir mit meinen drei Jobs als reformierte Pfarrerin, Gastroseelsorgerin und Seelsorgerin bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber aber nicht wahnsinnig viel Zeit – und wenn ich sie habe, dann nutze ich sie für meine zwei Kinder.

Was haben Sie in all den Jahren über das Wirten gelernt? Was braucht es, um diesen Beruf mental zu meistern?

Ich habe gemerkt, dass Humor und die Fähigkeit, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, sehr wichtig sind. Wer gut zu sich schaut und sich mit kleinen Freuden stärkt, der geht mit viel mehr Freude in den Beruf hinein. Das spüren auch die Gäste, geben gutes Feedback und das stärkt das eigene Wohl. So entsteht ein positiver Kreislauf. Umgekehrt, wenn einer anfängt, nur noch zu lamentieren, fällt das auch den Gästen auf, die Stimmung sinkt und es braucht sehr viel Kraft, da wieder rauszukommen.

Müsste es mehr Gastroseelsorgerinnen und -seelsorger geben?

In den vergangenen Jahren sind es immer weniger Gastroseelsorgende geworden, das ist schon wahr. Stellen wurden gestrichen, Prozente gekürzt. Gut möglich, dass das Wort «Seelsorger» in einer säkularen Welt nicht mehr gut ankommt. Dabei glaube ich, dass es uns weiterhin braucht, weil sich viele Menschen nicht trauen, zu einem Psychiater oder Therapeuten zu gehen. Und wenn man dazu auch noch in einer geschlossenen Welt lebt, die aus den vier Wänden der Beiz besteht, hat man oft niemanden, dem man seine Sorgen anvertrauen kann. Sich bei einem offiziellen, kostenlosen Angebot wie bei der Gastroseelsorge zu melden und einfach ein Gespräch führen zu können, ist enorm wichtig.