Gastronomie Stefan Kühnis 30.08.2019

Event-Gasthof Urchig setzt auf Tradition und Regionalität

Nachhaltigkeit in der Küche beginnt beim Einkauf regionaler Produkte. Robi Gander, Gastgeber im «Urchig» in Kulmerau, Kanton Luzern, macht vor seinen traditionellen Events deshalb die lokale Runde bei seinen Lieferanten und Partnern: Metzger, Bäcker, Bauern. Den längsten Transport hat der Wein aus dem Wallis hinter sich. Convenience-Produkte gibt es an den «Urchig»-Events nicht.

Einwohner: 218. Kühe: 492. Ungefähr das ist Kulmerau. Mittendrin: der Event-Gasthof Kulmerau. Hier ist der Bezug zum Traditionellen und zum Regionalen allgegenwärtig. Das typische alte Landgasthof-Gebäude ist liebevoll eingerichtet, mit allerlei Schätzen aus der urschweizerischen Vergangenheit. In Trachten bewirtet das Ehepaar Robi und Brigitte Gander seine Gäste. Auch die Rezepte und Zutaten sind traditionell und aus der Umgebung. «Der regionale Aspekt ist uns sehr wichtig und wir ziehen das durch», sagt Robi Gander.

«Der regionale Aspekt ist uns sehr wichtig und wir ziehen das durch.»

Robi Gander
Gastgeber «Urchig»

Vor einem «Urchig»-Event geht er morgens zu den verschiedenen Partnern und Lieferanten. «Heute war ich in der Metzgerei, organisierte Speckwürfeli und Ghackets. Man redet miteinander, vernimmt dies und das, und der Metzger gab mir eine Schwingerwurst, direkt aus dem heissen Wasser. Dieser Austausch und diese Beziehungen sind uns wichtig und schon hier beginnt das Regionale. Dann kaufte ich das Gemüse, ging zum Bäcker in Triengen, holte beim Nachbarn  Milch. Das Obst ist aus dem Dorf, von einem jungen Obstbauern. Die Eier sind vom Nachbarn, die Kartoffeln aus dem Nachbardorf, alles im Umkreis von fünf bis sechs Kilometern.»

 

Am weitesten her kommt der Wein. Da ist Brigitte Gander die Chefin und geht dafür auch etwas weiter in die Nachbarschaft. Aber es sind ausschliesslich Schweizer Weine. Den kürzesten Transport hat ein Wein vom Wenbau Mariazell in Sursee hinter sich, den längsten ein Syrah aus dem Wallis.

Qualität statt Label
Convenience-Produkte gibt es im «Urchig» nicht. «Das ist natürlich etwas aufwändiger und kostenintensiver, aber das zahlt sich aus», ist Robi Gander überzeugt.
Und bei aller Nachbarschaft und Regionalität, die Qualität sei mindestens so entscheidend wie die Nähe. «Wir sagen auch, wenn etwas nicht gut ist», sagt Robi Gander. «Manche haben das Gefühl, wir nähmen ihnen die Produkte sowieso ab, nur weil sie vom Nachbarn kommen. Aber wir sind durchaus wählerisch. Es geht letztlich immer um die Qualität und darum, noch besser zu werden.»

«Es geht letztlich immer um die Qualität und darum, noch besser zu werden.»

Robi Gander

Wenn man die Lieferanten und ihre Arbeitsweise kennt, verlieren Labels an Bedeutung. Der junge Kartoffelbauer ist Landwirt mit Leib und Seele. Er setzt auf integrierte Tierhaltung. «Wir probierten einige Kartoffeln von verschiedenen Bauern, seine schmeckten uns am besten», sagt Robi Gander. «Auch stimmt die Chemie zwischen uns und wir finden immer Zeit für einen Schwatz. Und die Eier sind nicht von einem Biobauern, aber die Hühner sind immer draussen, wir sehen und hören sie und den Güggel. Die Haltung stimmt, die Produkte sind hervorragend. Darauf kommt es an, und das spürt man.»

 

Erleben statt nur essen
Bei unserem Besuch ist für den Nachmittag eine Gruppe junger Frauen aus der Region für einen Polternachmittag angemeldet, am Abend eine Gruppe amerikanischer Studenten. Das «Urchig» liegt nicht an der Hauptstrasse, man findet es kaum per Zufall. Doch dank des grossen Netzwerks der beiden Gastgeber und des guten Rufs zieht das «Urchig» die Leute an. «Viele Firmen kommen her, auch internationale, und die Studenten heute Abend sind auf einer Sprachreise. Sie alle suchen und finden bei uns das typisch Schweizerische», sagt Robi Gander. «Wir führen die Anlässe für Gruppen von 10 bis maximal 100 Gästen durch, im Sommer auch bis 130.»

«Sie alle suchen und finden bei uns das typisch Schweizerische.»

Robi Gander

Die beiden Handörgeler Alfred und René empfangen die Gäste mit ihrer Musik, dazu gibt es Wasser aus der nahen Quelle sowie Apfelmost und ein Schnäpschen vom Obstbauern im Dorf. Zuerst wird im Glas gebuttert und im Kupferkessel über dem offenen Feuer gekäst, mit der Milch vom Nachbarn. Dabei ist Robi Gander in einem seiner Elemente. Er ist gelernter Käser und verbrachte einige Sommer auf der Alp. Während er mit seinen Gästen buttert und einen Frischkäse zubereitet, kann er sehr vieles dazu erzählen. Im Event-Gasthof erlebt man also nicht nur etwas, hier lernt man auch jede Menge.

 

An der Älplerchilbli im «Urchig» bieten sich die unterschiedlichsten urchigen Vergnügungsmöglichkeiten. Auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gilt es, einen typisch schweizerischen Gegenstand im Heu zu ertasten. Kegeln auf einer Holzbahn, ein Foto in Sennenverkleidung schiessen, mit etwas ungewöhnlichen Hämmern nageln, die Sennenwand, Fahnenschwingen, Alphornblasen, all das sind mögliche Attraktionen an der Älplerchilbi. Dazu begleiten die beiden Handörgeler die Gäste und je länger die Älplerchilbli dauert, desto ausgelassener singen, jauchzen, jodeln und musizieren die Gäste mit den beiden mit.

«Was im Garten wächst,nehmen wir ins Menü auf.»

Brigitte Gander
Gastgeberin «Urchig»

Zu Tisch
Die selbstgemachte Butter bereitet Brigitte Gander inzwischen mit Salz und verschiedenen Kräutern aus dem eigenen Kräutergarten für die Vorspeise vor. Den soeben gekästen Frischkäse garniert sie mit Öl, Salz, Pfeffer, Kräutern und essbaren Blumen als Apéro-Häppchen. Im Kräutergarten wachsen verschiedene Minzearten für das aromatisierte Quellwasser sowie Rosmarin, Thymian, Majoran und Oregano für die Butter. Den Salat verfeinert sie mit Sauerampfer, Rucola, Peterli, Schnittlauch, Kerbel und essbaren Blüten. Im Moment wachsen Borretsch, Kapuzinerkresse, Ringelblumen, Ysop, Veilchen, Löwenzahn oder Gänseblümchen für die Dekoration. «Was im Garten wächst, nehmen wir ins Menü auf», sagt Brigitte Gander. «Viele Gäste machen zuerst ein Foto, bevor sie essen, das ist ein gutes Zeichen. Und natürlich sind diese Kräuter und Blüten nicht nur schön für das Auge, sie sind auch gesund.»

 

Zur Vorspeise gibt es für die Polterinnen einen Feldsalat, im Nachbardorf gewachsen, mit einer hauseigenen Salatsauce. Die Hauptspeise: Älplermagronen mit eigener Käsemischung, die erwähnten Kartoffeln aus der Nachbargemeinde Krumbach und Apfelmus aus Äpfeln aus dem Dorf. Zum Dessert servieren Ganders eine Schoggicreme nach einem Rezept von Robi Ganders Mutter und einen von Brigitte Gander gebackenen Kuchen. Die Studenten am Abend geniessen Ghackets mit Hörnli und Apfelmus, dazu ebenfalls Salat und Dessert. Als Alternativen gäbe es beispielsweise Rindsvoressen mit Kartoffelstock und Wurzelgemüse – und in der Weihnachtszeit einen Hackbraten oder ähnliche festliche Menüs.

Saisonale Unterschiede
Alles wird frisch und immer am Tag des Anlasses verarbeitet. Natürlich gibt es nicht das ganze Jahr über Salat aus der Region. Auf saisonale Unterschiede muss man sich vorbereiten, wenn man auf regionale Produkte setzen will. Im Winter ist das Menü anders, schwerer, gewichtiger. Die Kräuter aus dem Garten werden für den Winter getrocknet. Im Herbst werden 400 Kilogramm Apfelmus eingekocht und in Gläsern sterilisiert, wie zu Grossmutters Zeiten. Und natürlich gibt es auch einmal Fondue. «Das machen wir erst neuerdings», sagt Robi Gander. «Ich sträubte mich lange dagegen Aber manche, vor allem internationale Gäste wollen auch im Hochsommer ein Fondue.» Saisonal passt das nicht unbedingt, doch für ein gutes Fondue gibt es eigentlich keine unpassende Jahreszeit.

«Manche, vor allem internationale Gäste wollen auch im Hochsommerein Fondue.»

Robi Gander

Wie kommt man nur darauf?
Robi Gander ist nicht einfach ein Käser von der Alp. Er hatte immer den Tourismus im Hinterkopf, bildete sich weiter, absolvierte die Tourismusfachschule und arbeitete an verschiedenen Orten. Als Schweizer Gar-Brigitte Gander: Sie und Ehemann Robi kamen per Zufall nach Kulmerau. dist zwei Jahre in Rom. Ein Jahr in Genf. Ein Jahr in London in der Gastronomie. Von dort kehrte er nach Luzern zurück. Er machte ein Praktikum in einem Hotel, wechselte zu den Rigi-Bahnen, wo er während zehn Jahren im Marketing und Verkauf arbeitete und immer mehr in die Eventbranche rutschte. Zusammen mit zwei Freunden gründete er ein Unternehmen, das allerlei Firmenanlässe anbot: Bungee-Jumping, Canyoning und ähnliches. Später gründete er mit seiner Frau Brigitte die Firma GanderEvent. «Wir waren in der ganzen Schweiz unterwegs und haben während dieser Zeit viel gesehen und entdeckt», sagt er. «Mit diesen Eindrücken und Erlebnissen haben wir uns entschlossen, nochmals etwas Neues zu starten. Die Initiative kam von Brigitte. Wir suchten nach einem fixen Standort, um die Gastronomie und unsere Älplerchilbi zu verbinden. Kulmerau entdeckten wir per Zufall und fanden es sehr sympathisch.» So entstand eine Erfolgsgeschichte: Das «Urchig» ist nun im fünften Betriebsjahr.

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Event-Gasthof Urchig

Stefan Kühnis

Autor: Stefan Kühnis