Hotellerie 19.10.2020

Fair produzierte Berufskleider

Wer beim Kauf von Berufskleidung auf soziale Kriterien achtet, unterstützt das Engagement gegen Ausbeutung der Arbeiter*innen. Ein Bericht von PublicEye und der Clean Clothes Campaign für faire Kleidung in der Hotellerie und Gastronomie.

Berufs- und Schutzbekleidung ist in Pandemiezeiten besonders wichtig: Ein Spital würde ohne Arztkittel und Masken, ein Hotel ohne Bett­wäsche und ein Restaurant ohne Schürze und Handtücher bereits im Normalzustand nicht funktio­nieren. Doch ausgerechnet jene, die solche Kleidung nähen, spüren die Auswirkungen der Coronakrise mit voller Härte und arbeiten unter immer übleren Bedingungen. Umso wichtiger ist daher, bei der Beschaffung von Berufsbekleidung soziale Kriterien konsequent ins Zentrum zu stellen.

«Berufsbekleidung wird
oft in Mittel-, Ost- und
Südosteuropa produziert.»

 

Prekäre Arbeitssituationen

Der Fokus auf Arbeitsbedingungen im Ausland ist ­bitter nötig. Die rund 60 bis 75 Millionen mehrheitlich weiblichen Angestellten der Bekleidungs- und Textilindustrie sehen sich mit Arbeitswochen von 60 Stunden sowie Löhnen weit unter dem Existenzminimum und den daraus resultierenden Armutsfolgen konfrontiert. Diese Situation ist eng verbunden mit der heutigen Funktionsweise dieses Sektors: kurze ­Lieferfristen, Kostendruck, hohe Konkurrenz, über­sättigte Märkte. Auch in der Berufsbekleidungs­industrie ist das nicht grundlegend anders. Berufsbe­kleidung wird oft in Mittel-, Ost- und Südosteuropa produziert, Länder wie Mazedonien oder Bosnien und Herzegowina sind wichtige Lieferanten für die Schweiz. Wegen des internationalen Standortwett­bewerbs und ihrer hohen Exportabhängigkeit sind viele Regierungen bereit, den gesetzlichen Mindestlohn weit unter einem existenzsichernden Lohn anzusetzen. Die Grafik verdeutlicht, wie tief die Löhne auch in der europäischen Textilproduktion sind.

In Myanmar, Bangladesch, Kambodscha, Indien, aber auch in Albanien und den zentralamerikanischen Ländern werden derzeit viele Fabriken geschlossen oder sind von der Schliessung bedroht. Lieferrückgänge und stornierte Bestellungen führen auch bei der Produktion innerhalb der EU, beispielsweise in Rumänien, zu Verzögerungen der Lohnzahlungen oder zu erzwungener Teilarbeitslosigkeit, in vielen Ländern freilich ohne soziale Netzwerke für die Betrof­fenen. Eine Schätzung der Clean Clothes Campaign (CCC) kommt zum Schluss, dass Textilarbeiterinnen weltweit (ohne China) zwischen März und Mai 2020 eine Lohnsumme zwischen 3,19 und 5,59 Milliarden USD entgangen ist. Für viele heisst das nicht nur ein Leben in bitterer Armut, sondern ein täglicher Kampf um die nächste Mahlzeit für sich und ihre Familien. Die Dumpinglöhne in der globalen Textilindustrie führten bereits vor der Krise zu prekären Lebensbedingungen und erlaubten keine Rücklagen für Notsituationen. Der Verlust der Arbeit oder ausbleibende Lohnzahlungen bedeuten nun aber für viele Menschen unmittelbar Hunger und einen drohenden Verlust des Wohnraums.

Beim Einkauf von Berufsbekleidung ist daher Sorgfalt gefragt, denn Textilien sind Risikogüter bezüglich der Verletzung von Menschen- und Arbeitsrechten. Beschaffungsstellen sollten deshalb auf Transparenz bestehen und Berufsbekleidungsfirmen auffordern, ihre gesamte Lieferkette offenzulegen. Sie sollten nur dort einkaufen, wo Firmen ein glaubwürdiges Engagement zur Einhaltung sozialer Mindestkriterien wie die ILO-Kernarbeitsnormen (keine Zwangsarbeit, keine Kinderarbeit, keine Diskriminierung, Gewerkschaftsfreiheit), aber auch darüber hinausgehende Sozialkriterien wie die Gewährleistung von Gesundheitsschutz, eine Arbeitszeitbeschränkung, formelle Arbeitsbeziehungen oder einen existenzsichernden Lohn nachweisen können.

Beschaffungsgesetz bringt neue Chancen

Das 2019 vom Parlament verabschiedete und per 1. Januar 2021 in Kraft tretende «Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen» (BöB) gibt Beschaffungsstellen der öffentlichen Hand mehr Rechtssicherheit in Nachhaltigkeitsfragen und schafft neue Möglichkeiten für den sozial und ökologisch verantwortungsvollen Einkauf. Während des zehn Jahre dauernden Revisionsprozesses hat sich ein Paradigmenwechsel zugunsten von Nachhaltigkeit und ­Qualität durchgesetzt. Public Eye hat sich seit 2008 zusammen mit einer NGO-Koalition dafür eingesetzt, dass die Grundpfeiler einer nachhaltigen Beschaffung – faire Arbeitsbedingungen auch im Ausland, die mit Nachweisen garantiert und durch Stichproben kon­trolliert werden – eine gesetzliche Grundlage erhalten. Mit der Anpassung des Zweckartikels orientiert sich das Beschaffungsgesetz nicht mehr nur an der Wirtschaftlichkeit, sondern neu auch an sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Die Betonung von Quali­tätswettbewerb sowie die Vorgabe, dass in Zukunft nicht mehr das «günstigste», sondern das «vorteilhafteste» Angebot den Zuschlag erhalten soll, unterstreicht den breiten Konsens zugunsten von mehr Nachhaltigkeit. Mit einem neuen, auch international fortschrittlichen Zusatz in Art. 12 bei den «allgemeinen Grundsätzen» wurde verankert, dass bei der Produktion im Ausland weitere wesentliche internationale Arbeitsstandards eingefordert, Nachweise für deren Einhaltung verlangt und Kontrollen durchgeführt werden können. Der Wille des Gesetzgebers zu Nachhaltigkeit ist auch bei den Zuschlagskriterien erkennbar, wie dies Kriterien nach der «Qualität» oder der «Lebenszykluskosten» zeigen.

«Jeder Kaufentscheid mit
Berücksichtigung von sozialen
Kriterien ist ein Schritt in
eine bessere Zukunft.»

 

Insgesamt sendet das Gesetz der Berufsbekleidungsbranche wichtige Signale und unterstreicht, dass sich künftig die Nachfrage verstärkt an Nachhaltigkeit orientiert. Auch private Beschaffungsstellen dürfen daher mit einem Trend zu einem entsprechenden Angebot auf dem Berufsbekleidungsmarkt rechnen und können diesen ihrerseits unterstützen, indem sie Nachhaltigkeitskriterien zentral in ihren Beschaffungen verankern. Denn sozialverantwortliche Beschaffung von Berufsbekleidung ist ein wichtiger Teil in Richtung einer nachhaltigeren Textilindustrie und jeder Kaufentscheid mit konsequenter Berücksichtigung von sozialen Kriterien ist ein Schritt in eine bessere Zukunft.

Clean Clothes Campaign

Die Clean Clothes Campaign (CCC) ist ein internationales Netzwerk von über 250 Organisationen in Europa und Asien, das sich weltweit für bessere Arbeitsbedingungen in Textilfabriken einsetzt. In der Schweiz wird die CCC von der NGO Public Eye vertreten. Public Eye engagiert sich mit Recherchen, Analysen und Kampagnen sowie ihren rund 26’000 Mitgliedern für eine Schweiz, die weltweit verantwortungsvoll handelt.